22.05.2017

Kieler Nachrichten: Interview mit Torsten Levsen

"Der Mittelstand wird es schwer haben“ Windparkentwickler Torsten Levsen zur Zukunft der Branche – und warum Daniel Günther am Regionalplan nichts ändern sollte. Dort, wo Windräder gebaut werden, haben die Menschen auch eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft.

Kieler Nachrichten 22.05.2017 | Karen Schwenke

SEHESTEDT. Das schleswig-holsteinische Unternehmen Denker & Wulf gehört zu den aktivsten Windparkentwicklern in Deutschland.
Obwohl im Norden die Widerstände gegen weitere Windräder wachsen, hat die Aktiengesellschaft mit derzeit 96 Mitarbeitern an ihrem Hauptsitz in Sehestedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde) vor wenigen Tagen einen Neubau eingeweiht und damit Kapazitäten für 40 weitere Arbeitsplätze geschaffen. Im Interview spricht Vorstandsvorsitzender Torsten Levsen über Probleme und Chancen der Windenergie.

Herr Levsen, die Energiewende bescherte ihrer Branche einen Boom. Doch der Wind hat sich gedreht. Große Anlagenhersteller verlagern ihre Aktivitäten nach Asien. Sie hingegen bauen Ihr Geschäft aus. Wie erklärt sich die Entwicklung gegen den Trend?

Die Branche ist erwachsen geworden, mittlerweile beträgt der Anteil der Erneuerbaren Energien am Strommarkt 35 Prozent und wächst langsamer. Als Projektentwickler mit vielen Windparks im Eigenbestand verdienen wir auch nachhaltig am Stromverkauf. Die Ertragsbasis ist daher auch gesichert,
wenn wir weniger Neuanlagen bauen, was ja schwieriger wird.

Wird es schwieriger, weil die Akzeptanz in der Bevölkerung schwindet?

Der Zuspruch zur Energiewende ist unverändert hoch. Wir erleben die organisierten Windstrom-Gegner hierzulande eher als Scheinriesen: Der harte Kern besteht aus vielleicht 50 Leuten, die gut vernetzt sind, herumfahren und sich lautstark zu Wort melden. Sie sind nicht unser größtes Problem. Was uns
beschäftigt, ist der politisch herbeigeführte Systemwechsel im Markt: Künftig wird es keinen festgeschriebenen Preis mehr für regenerativen Strom geben, sondern die Menge neuer Anlagen wird auf jährlich 2800 Megawatt bundesweit
begrenzt und über Ausschreibungen vergeben.

Das Ziel ist Marktwirtschaft, was grundsätzlich gut ist. Aber hier wurde der verkehrte Weg gewählt. Denn für den Mittelstand, der die Windkraft ja
vorangebracht hat, wird es sehr schwer. Durch den Konkurrenzdruck werden viele auf der Strecke bleiben. Letztlich profitieren die großen
Energieriesen, die es jahrzehntelang versäumt haben, regenerative Energien einzufü hren. Sie bauen schon jetzt die großen Offshore-Windparks,
verdrängen die Kleineren, um am Ende wieder die Preise zu diktieren.

Was schlagen Sie vor?

Die Energiewende ist ja ein Projekt der Bürger und des Mittelstands. Mit jeder neuen Windkraftanlage drängen wir konventionelle Kapazitäten aus dem Markt. Die Lobby der großen Energieerzeuger ist jedoch groß, sie hat dafür gesorgt, dass die Energiewende aktuell an Fahrt verliert. Dabei wäre es so einfach, Chancengleichheit im Strommarkt einzuführen und endlich einen fairen Wettbewerb zu ermöglichen. Es könnten etwa die Entlagerkosten im Atomstrompreis berücksichtigt werden und bei der Kohle der Klimaschaden über eine CO2-Abgabe. Denkbar wäre auch ein CO2-Footprint für jedes Produkt, der klimaschädliche Güter steuerlich belastet. Im Gegenzug könnte die Mehrwertsteuer, bei der die Lenkungsfunktion fehlt, entsprechend abgesenkt werden, dann blieben die Einnahmen für den Staat neutral.

Viele Schleswig-Holsteiner lehnen Windräder in ihrer Umgebung ab. Andererseits fürchten sie Atomkraft und den Klimawandel durch fossile
Energien. Welchen Ausweg aus dem Dilemma gibt es?

Man darf den Menschen nichts vormachen: Windkraft ist heute die mit Abstand billigste Energieform, die man bauen kann. Kein neues Kohle- oder
Atomkraftwerk kann Strom für 5,5 Cent pro Kilowattstunde erzeugen. Außerdem dient die Windkraft dem Klimaschutz. Dort, wo Windräder gebaut
werden dürfen, haben die Menschen auch eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Wir können die Anlagen so bauen, dass die Beeinträchtigung möglichst gering ist. Aber wir können den Konflikt nicht vollständig auflösen. Wir nutzen und beanspruchen unsere Natur, um unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. Das ist mit jeder Autobahn, mit jedem Gewerbepark so.

Im Dezember hat die Landesregierung Regionalpläne beschlossen, in denen 1,98 Prozent der Landesfläche für Windkraft ausgewiesen sind. Was bedeutet es, wenn sich durch den Wahlsieg der CDU bei der Landtagswahl jetzt alles wieder ändert?

Für das Windland Schleswig-Holstein wäre es das absolut Schlimmste, wenn Daniel Günther jetzt alles umschmeißen würde. Der Regionalplanentwurf
ist aufgestellt worden, um nach objektiven Kriterien Ordnung und Akzeptanz zu schaffen. Sollte die Landesplanung damit scheitern, wird es
ein Chaos in Sachen Windplanung geben und eine Delle beim Ausbau.


Interview: Karen Schwenke